Ich wurde nicht als sportliches Mädchen mit Liebe für Salat und Brokkoli geboren. Früher, da waren meine Leibgerichte Apfel-Pfannkuchen, Schupfnudeln, Schokolade und Spinat mit Kartoffeln und Ei. Ich habe den Schulsport gehasst, weil ich nicht mit den anderen mithalten konnte und ich mich dafür geschämt habe. Ich war Mitläuferin und sicher kein Vorbild. Ich war da, aber fühlte mich trotzdem unsichtbar. 

Meine Figur war ok, nicht schlank aber auch nicht dick. Normal eben, unscheinbar. 

Als ich durch eine Nierenbeckenentzündung für 2 Wochen meinen Appetit verlor und plötzlich 10kg weniger wog, änderte sich meine ganze Welt. 

Ich wurde auf einmal positiv beachtet. Ich bekam Lob für mein Äußeres, sogar von Jungs, die mich bisher nicht einmal angesehen hatten. Das fühlte sich verdammt gut an. Und genau dieses Gefühl, diese Bestätigung von Außen wollte ich nicht mehr verlieren. Ganz im Gegenteil, ich wollte mehr. Also fing ich an regelmäßig Sport zu treiben, mich mit gesunder Ernährung zu beschäftigen und meine Nahrung zu kontrollieren. 

Ich litt nie unter einer Essstörung, wie Anorexie, aber ich würde trotzdem sagen, mein gesundes Verhältnis zum Essen war von da an gestört. 

Mithilfe der Lebensmittel, die ich zu mir nahm, konnte ich mein Gewicht und damit, so war meine damalige Schlussfolgerung, meine Beliebtheit kontrollieren. 

Dass ich mich durch den Sport und mein wachsendes Selbstbewusstsein einfach menschlich veränderte und dadurch mehr und mehr nette Menschen kennenlernte, sah ich nicht. Für mich war der Kernfaktor mein Aussehen. Ich würde nicht behaupten, dass mich 1kg mehr auf der Waage in Panik versetzt hätte. Nein, dazu wusste ich zu genau, dass ich mit der entsprechenden Disziplin, wieder ganz leicht abnehmen würde. Trotzdem bestimmte mein Gewicht meine Stimmung.

Fühlte sich mein Bauch aufgebläht und damit dick an, war ich unleidlich, schlecht gelaunt und wollte am liebsten nichts mehr essen. Wachte ich am nächsten Tag wieder mit einem perfekt flachen Bauch auf, strotzte ich nur so vor Energie.

Es hat sehr lange gedauert und mich viel Zeit mit mir selbst gekostet, um dieses Denkmuster aufzudecken, zu verstehen und in mein Bewusstsein zu holen. Natürlich habe ich immer noch Tage an denen ich mich einfach unwohl fühle, aber heute weiß ich, dass ich nicht mein Körper bin. Ich bin so viel mehr und ich werde nicht für mein Äußeres geliebt, sondern für das was sich hinter der Hülle versteckt. Ich habe angefangen meinen Körper für all die Möglichkeiten, die er mir jeden Tag schenkt zu lieben.

Ich bin dankbar für diese Zeit, denn sie hat mich geprägt und mich zu dem Menschen werden lassen, der ich heute bin. Ich weiß nicht, ob ich jemals so eine Leidenschaft für gesundes Essen und Bewegung entwickelt hätte, wenn diese beiden Dinge nicht für eine lange Zeit mein Leben dominiert hätten.

Dank dieser Zeit konnte ich Stück für Stück entdecken, was es bedeutet wirklich ausgewogen zu essen und dem Körper die Lebensmittel zu geben, die er braucht. Wer weiß, ob ich jemals so eine intensive Verbindung zum Sport gefunden hätte.

Und ich wäre heute vor allem nicht hier, um anderen Frauen zu zeigen, dass es auch anders geht. Dass man keine Disziplin, Verbote oder Diäten braucht, um sich gesund zu ernähren. Dass der Kern zu Glück und Gesundheit in der Einfachheit liegen: einfaches, natürliches Essen ohne Zusatzstoffe, die wir weder kennen noch aussprechen können. Dass wir uns nicht rund um die Uhr Gedanken um unser Essen machen sollten – denn das ist nicht normal. 

Beschäftigt euch doch lieber mit den wirklich wichtigen Dingen, mit den Menschen, die euch lieben und lasst euch eure Stimmung nicht durch einen Schokoriegel vermiesen. 

Hört auf euren Selbstzweifeln auf dem Laufband davon zu laufen. Sie werden euch immer einholen, egal wie schlank ihr seid. Das, was ihr über euch denkt, hat nichts mit eurem Äußeren zu tun, sondern nur mit eurem Innersten: euren Gedanke, Gefühlen und eurem Selbstwertgefühl. Ihr dürft mir gerne glauben, dass ich selbst heute noch zu unsicher bin, um mich bauchfrei im Fitnessstudio zu zeigen. 

Ich möchte nicht, dass ihr auch so lange braucht wie ich, bis ihr anfangt eurem Körper das zu geben, was er braucht und bis ihr anfangen könnt euch selbst zu lieben. Hör auf deiner Perfektion mit neuen Diäten hinterher zu jagen. Das führt zu nichts. 

Ich bin nicht perfekt, und das will ich auch nicht sein. Ich bin wer ich bin und das ist gut so. 

Ich weiß, dass mich viele immer nur als das disziplinierte Mädchen sehen, dass jeden Tag Sport macht und nur Salat isst, aber ich bin viel mehr als das und hinter dem, wie ich heute bin, steht meine Geschichte. 

Die Geschichte eines Mädchens, das einfach nur gemocht werden wollte und für die Essen der Schlüssel zur Beliebtheit war. 

Früher hätte ich mich nicht getraut diesen ehrlichen Text zu schreiben aus Angst vor Ablehnung und Spott. Heute weiß ich, dass es da Draußen unzählige Frauen und Männer gibt, denen es ähnlich geht. Für euch ist dieser Text.